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| Recensioni e discussioni



Fabio La Stella, [recensione a:] Michele Ciliberto (Hg.): Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini, 2327 S., Edizioni della Normale, Pisa 2014, «Zeitschrift für philosophische Forschung», Band 70 (2016), 3



Unter den Beiträgen, die in den letzten Jahrzehnten auf internationaler Ebene zur Erforschung der Philosophie Giordano Brunos geleistet worden sind, ragt das hier rezensierte Werk zweifellos als eines der bedeutendsten heraus. Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini kann als die reifste Frucht einer langjährigen Tradition der Studien zur Renaissance gelten, die – von Eugenio Garin und Cesare Vasoli herrührend – zur Zeit unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Michele Ciliberto in Pisa an der Scuola Normale Superiore und in Florenz beim Nationalen Institut der Studien über die Renaissance fortdauert und lebendig ist. In Italien hat das Werk bereits großes Aufsehen erregt, ist aber in Deutschland noch unbekannt: Durch die folgende Rezension nehme ich mir demnach vor, dem deutschen Leser das Werk in seinen Grundzügen vorzustellen.
Formal stellt sich Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini als ein enzyklopädisches auf drei Bände angelegtes Werk dar, das aus der Zusammenarbeit von mehr als 40 Forschern hervorgegangen ist und 1200 Stichwörter umfasst, die sich über mehr als 2000 dichte Seiten in-octavo erstrecken. Der dritte Band enthält die Inhaltsverzeichnisse, die Quellenangaben und die Textapparate. Das Werk ist in erster Linie eine allumfassende, gemäß dem aktuellen Stand der Studien und den strengsten Maßstäben der philologisch-historischen Forschung durchgeführte Gesamtdarstellung von Brunos Philosophie, die anhand ihrer Grundbegriffe erschlossen wird. Die Stichwörter sind in alphabetischer Reihenfolge organisiert und weisen je nach ihrer Bedeutung drei unterschiedliche Längen auf: Neben längeren Stichwörtern (wie etwa Aristoteles, Plotin, Ficinus, Hegel, Macht, Seele, Materie etc.) sind auch kürzere und kleine Stichwörter zu finden. Die 40 Verfasser handeln dabei nicht nur einzelne Themen und Begriffe von Brunos Leben und Lehre, sondern auch deren sichtbare und unsichtbare Quellen ab, die mit großer Genauigkeit in die antike und mittelalterliche Philosophie sowie in die Religion, Kunst und Theologie zurückverfolgt werden. Große Aufmerksamkeit wird aber auch der modernen und zeitgenössischen Wirkung von Brunos Philosophie gewidmet, die also auf ihre Wirkungsgeschichte hin untersucht wird. Mit der nolana filosofia, wie der in Nola bei Neapel geborene Bruno sein eigenes Denken bezeichnete, haben sich nämlich in der Moderne bekanntlich nicht nur Philosophen wie Hegel, Jacobi und Ernst Cassirer, sondern auch Schriftteller wie James Joyce, Italo Calvino und, in Deutschland, Bertolt Brecht auseinandergesetzt. In Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini werden die Werke derselben so analysiert, dass das Bild von Brunos Philosophie, das diese Autoren sich jeweils verschafft haben, ersichtlich wird. Der Bruno- und Renaissance-Forscher kann demnach im rezensierten Werk ein imposantes historisches Material finden, das zum ersten Mal zu einer umfassenden Darstellung gelangt, die sich somit als unentbehrliche Grundlage für die künftigen Recherchen über die Renaissance darbietet.
Im Folgenden will ich auf das grundlegende methodologische Prinzip die Aufmerksamkeit richten, das die Bearbeitung des Materials und die konkrete Abfassung der Einträge geleitet hat, damit ersichtlich wird, wie sich das rezensierte Werk im Rahmen der vorliegenden Bruno-Forschung positioniert, was eine sachliche, wenngleich knappe Würdigung von Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini ermöglichen soll. Dieses Prinzip lässt sich im Kern auf eine entschiedene Absage an jedes hermeneutische Modell zurückführen, das einen teleologischen Ansatz heranzieht. Solcher teleologische Ansatz versucht, Brunos Denken und die Renaissance überhaupt in einen geschichtlich-genealogischen Entwicklungsprozess zu setzen, der eben von der Renaissance-Zeit zum modernen, am cartesianischen Wissenschaftsideal orientierten Vernunftbegriff hinführen sollte. Aufgrund dieses hermeneutischen Ansatzes erleidet dann die Figur von Bruno eine drastische Vereinfachung, die darauf hinausläuft, dass der Interpret die Philosophie Brunos restlos als ein für die kopernikanische Weltansicht wegbereitendes Denken ansieht. Demgegenüber stellt der Herausgeber in seinem Vorwort die These auf, es sei bei der Abfassung des Werks von ausschlaggebender Bedeutung gewesen, die überlieferte Auffassung von Brunos Philosophie in Frage zu stellen und diese an die Erträge der neuesten Bruno-Forschung anzugleichen. Der Ausgangspunkt des Werks liegt nämlich in der Feststellung des „Überschusses“ der Figur Brunos – Überschuss, der in zweifacher Hinsicht zu begreifen ist. Historisch bedeutet dies, dass man in den letzten zwei Jahrzehnten einer neuen Würdigung der Philosophie Brunos und der Werke desselben beigewohnt habe, die sich unter anderem auf Schriften konzentriert habe, die zuvor kaum in Erwägung gezogen worden seien. Dies habe letztlich eine erhebliche Änderung des Bildes der nolana filosofia ergeben. Ziel des rezensierten Werks sei es also – so Ciliberto –, ein allumfassendes Werk zustande zu bringen, das als erschöpfende Synthese und letztgültiger Ausgangspunkt  einer langjährigen Forschungstätigkeit gelten und das eben der neuesten Entwicklung der Bruno-Forschung Rechnung tragen könne: „Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich das gesamte Bild der Renaissance und Brunos erheblich verändert […] Dies hat einerseits neue und zuvor ignorierte kritische Möglichkeiten eröffnet und andererseits Motive, Werke, vergessene beziehungsweise vernachlässigte Texte ans Licht gebracht, die vorher in die Welt des Aberglaubens verbannt wurden, als wären sie eben nur Aberglaube, von dem man sich erst befreien müsste, um die eigentlich modernen Aspekte der nolana filosofia fokussieren zu können“ (5; Übersetzung aus dem Italienischen von F. L. S.). Darüber hinaus lässt sich Brunos Überschuss auch auf den Umstand zurückführen, dass Bruno in sich etwa den Helden des freien Denkens, den Zauberer, den Mnemotechniker, den Philosophen und den Literaten birgt und vereint, sodass Bruno in der Tat – so meint Ciliberto – einer eindeutigen und letztgültigen Kategorisierung sich entziehe. Dieser Überschuss drängt sich dem Historiker als ein unlösbares Gewirr auf und hat tatsächlich oft dazu verleitet, zur Entzifferung der nolana filosofia nur vereinzelte Aspekte derselben herauszuheben, um diese dann einem jeweils vorkonstituierten Schema eingliedern zu können. Nun, gerade mit diesem methodischen Ansatz räumt das rezensierte Werk auf, das sich dann dementsprechend zum Ziel setzt, hinter jede bequeme Kategorisierung zurückzugehen und somit den „eigentlichen“ Bruno in all seiner Komplexität und in seinen verzweigten Wirkungen, selbst in seiner schlichten Andersheit zu unserer Gegenwart, wiederzuentdecken. Konkret besagt dies, dass die schon angesprochene, verbreitete historiographische Meinung, wonach Bruno, der bekanntlich von zahllosen Welten und von einem unendlichen Universum gesprochen hatte, der Vorläufer der modernen kopernikanischen Weltansicht sei, fragwürdig gemacht wird, was dazu führt, dass in Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini auch die Schriften zur Mnemotechnik und Magie, die dem  modernen und cartesianischen Vernunftbegriff am entferntesten liegen, zur Geltung kommen und tatsächlich vom Standpunkt der Totalität aus untersucht werden.
Der Bruch mit dem genannten teleologischen Ansatz bezeichnet aber nur noch die pars destruens, keineswegs die positive Vorgehensweise, die an Stelle des Teleologismus tritt und im rezensierten Werk konkret zur Anwendung kommt. Diese wird unter Berufung auf Aby Warburg vom Herausgeber wie folgend umrissen: „Hier drängt sich folglich das am schwierigsten zu lösende Hauptproblem auf […] Es gilt, sich zusammen mit Bruno an eine Grenze zu begeben und zu Grenzwächtern zu werden. Indem man dies tut, soll man – wie in Tizianos Gemälde – auf Brunos Verhältnis zur Vergangenheit, auf die damaligen Debatten mit den Zeitgenossen und auch auf Brunos programmatische Projektionen in die Zukunft aufmerksam werden“ (11; Übersetzung aus dem Italienischen von F. L. S.). Dem Herausgeber ist demnach daran gelegen, Brunos Philosophie als einen „pensiero di confine“ (ein Denken an der Grenze) zu betrachten, die dementsprechend dem Interpreten die Aufgabe stellt, zu einem Grenzwächter zu werden, der – etwas bildlich ausgedrückt – deshalb zwei verschiedenen Ländern beziehungsweise Gebieten gleichzeitig angehöre, weil er gerade an der Grenze beziehungsweise an der Schwelle verharre, ohne den Schritt zu tun, der es ihm ermöglichen würde, das eine Gebiet mit Ausschluss des anderen zu betreten. Ciliberto zufolge kommt es infolgedessen darauf an, Giordano Bruno in jenem konstitutiven Spannungsverhältnis zwischen mehreren Welten – etwa zwischen der mittelalterlichen und der modernen Welt, zwischen einer noch magischen und einer cartesianischen Vernunft – zu fassen, das von innen seine Figur gestalte und seine Philosophie durchziehe, ohne also Bruno ein ihm fremdes kategoriales Gefüge aufzudrücken. Damit bekennt sich Ciliberto offensichtlich zu einer Methode, welche die ausführlichste Mikroforschung nicht entbehren kann und die den neuesten historischen und philologischen Fortschritten der Forschung über Bruno und die Renaissance Rechnung trägt: „Es kommt darauf an, sich in den Horizont der Philosophie und der Kultur der Renaissance zu begeben, indem man alle für die „modernen“ Enzyklopädien eigentümlichen Bande unter den Disziplinen durchbricht und mit offenen Augen zu einer Welt vordringt, die anders ist als unsere. Hierzu bedarf es einiger hochentwickelter kritischer Instrumente, die sich zwischen Vergangenheit und Zukunft bewegen und die in einem einheitlichen Gewebe Geschichte, Mythos und Legende, antike Quellen, Wissenschaft, moderne Philosophie und Aberglauben der Renaissance, Hauptkategorien der europäischen philosophischen Tradition sowie Themen und Motive verschiedener Literaturen und auch der Volks- und Theaterkultur miteinander verflechten“ (14; Übersetzung aus dem Italienischen von F. L. S).
Der Absicht des Herausgebers nach soll Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini gerade kraft seines enzyklopädischen Aufbaus einen tiefen Einblick in die kleinsten Falten von Brunos Leben und Lehre ermöglichen und es gestatten, auf die ganze Epoche helles Licht fallen zu lassen. Das Werk zielt mithin darauf ab, dem Bruno-und Renaissance-Forscher ein Mittel an die Hand zu geben, das eine Synthese darstellt, die sich jedoch auch im Detail als zuverlässig und erschöpfend erweisen kann. Im Hinblick hierauf bin ich schließlich der Auffassung, dass das rezensierte Werk seinen selbstgesetztes Zweck zweifellos erreicht. Obwohl die hermeneutischen Prinzipien des Werks, die ich hier auf eine deutliche Absage an jeden hermeneutischen Teleologismus zurückgebracht habe, dem Bruno-Kenner auch schon bekannt vorkommen mögen, behält Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini trotzdem doch deshalb seinen systematischen und historischen Wert, weil die Prinzipien der neuesten Bruno-Forschung hier zur breitesten Anwendung kommen und daher die erste allumfassende Darstellung der nolana filosofia ermöglichen. Gerade vermöge der methodischen Grundentscheidung, die wesentlich das rezensierte Werk kennzeichnet und aufgrund seines beträchtlichen Umfanges erschafft Giordano Bruno. Parole Concetti Immagini ein vollständigeres und facettenreicheres Bild von  Brunos Philosophie wie nie zuvor.